Felix Bischofbergers Eröffnungsrede nach der Wahl zum Kantonsratspräsidenten
Montag, 4.Juni 2012

Sehr geehrter Herr Regierungspräsident
Geschätzte Damen und Herren der Regierung und des Kantonsrates
Liebe Familie und Freunde

Sie haben mich heute mit einer ehrenvollen Wahl zum Kantonsratspräsidenten für das kommende Amtsjahr gewählt. Damit haben Sie mir das hohe Vertrauen ausgesprochen. Dafür bedanke ich mich herzlich bei Ihnen und freue mich auf dieses herausfordernde und anspruchsvolle Präsidialamt, das Amt des höchsten St.Gallers.

Man muss Menschen mögen!

Nach diesem Leitmotiv will ich mich im nächsten Jahr richten. Denn der Einsatz für die Allgemeinheit ist nicht selbstverständlich. Und ich möchte es nicht unterlassen, meinen Kolleginnen und Kollegen des Kantonsrates für den Einsatz zu danken. Sie erbringen alle eine grosse Arbeit: Im Studium der Unterlagen für die Kantonsratssitzungen, an vorbereitenden Informationsveranstaltungen, in ständigen oder besonderen Kommissionen.

Sie alle mögen die Menschen, und ihr Einsatz zeugt von Sinn für Gemeinnützigkeit. Denn Kantonsrätin oder Kantonsrat zu sein ist ehrenamtliche Arbeit! Es ist eine Würde – aber zugleich auch eine Bürde. Denn alle Mitglieder arbeiten als Milizionäre, die daneben in einem "zivilen" Beruf tätig sind. Doch nur mit ihrem Einsatz lebt und funktioniert unsere Demokratie!

Mit der Wahl zum Kantonspräsidenten folgt für mich ab heute eine neue Herausforderung. Es gehört seit den Grundzügen des St.Galler Staatsaufbaus zu den Aufgaben des neugewählten Kantonsratspräsidenten, seine Ziele und sein Engagement für die Bevölkerung in der Präsidialansprache zu erörtern. Gerne nehme ich dies auch für mich in Anspruch:

Sie wissen, geschätzte Damen und Herren: Meine bisherige politische Arbeit habe ich stets unter dem Motto: „Die Schweizer Demokratie ist unser höchstes Gut" verrichtet. Zu dieser Demokratie muss Sorge getragen werden. Das heisst auch, dass ein Politiker mit den Menschen und Bürgern auf der Strasse in Kontakt sein und mit ihnen ins Gespräch kommen soll! Und zwar mit Leuten aus allen Schichten. Das ist eine grosse Herausforderung, die wir Politiker zu meistern haben. Aber seit ich mit 28 Jahren ins Gemeindeparlament von Rorschach gewählt worden bin, folge ich diesem Motto und fühle mich dadurch auch von der Bevölkerung im Wahlkreis getragen.

Dabei hilft mir meine berufliche Tätigkeit als Postunternehmer – oder eben einfach als „Pöstler“ – und als Leiter Angestelltenpolitik des Kaufmännischen Verbandes Ost enorm. Ich kann gut auf die Leute ein- und zugehen und mit Ihnen Gespräche führen. Mit meiner einfachen, persönlichen und authentischen politischen Art will ich daher auch ein Kantonsratspräsident sein, den man spürt und der auch greifbar ist fürs "normale" Volk von nebenan.

Ich setze mich in meinem Jahr als Präsident vor allem dafür ein, dass unser Kanton auch weiterhin ein lebenswerter ist. Denn wir wollen ein Kanton sein, der Familien, unserer alternden Gesellschaft, den Berufstätigen und auch der Arbeitswelt die nötige Beachtung schenkt. Wir haben politisch viele Themen, die wir gemeinsam lösen müssen, um die Zukunft zu meistern. Hier denke ich insbesondere an Themen wie die wirtschaftliche Veränderung oder die gesellschaftliche Entwicklung.

So möchten wir es beispielsweise nicht einfach zu Tage kommen lassen, dass der stetige Wachstumszwang den Wegfall von weniger qualifizierten Arbeitsplätzen fördert. Die Technisierung hat uns damit bereits tausende von Arbeitsplätzen gekostet, welche für viele ein Grundauskommen gesichert haben.

Das steigende wirtschaftliche Tempo ist allerorts spür- und messbar; sei es in unserem Ratsgeschehen, in der täglichen Arbeit oder in der Familie. Oftmals muss schnell reagiert werden - und dies führt vielfach zu unqualifizierten politischen Entscheiden, die medial ausgeschlachtet werden. Ich fordere Sie dazu auf, dass wir uns vermehrt zusammensetzen und von Angesicht zu Angesicht miteinander politische Diskussionen führen. Die virtuelle Welt gibt hier nicht genug Spielraum. Dies ist einerseits zielführender und persönlicher - andererseits führen so herbeigeführte Entscheide auch zu mehr Zufriedenheit in der Bevölkerung.

Ein weiteres Thema, dem ich vermehrt Beachtung schenken will, ist die gesellschaftliche Veränderung, die wir mit grosser Aufmerksamkeit verfolgen müssen. Der Individualismus, der Egoismus sowie die stetige persönliche Optimierung ergeben für mich keine günstigen Zukunftsaussichten. So denke ich, dass die Orientierung an humanitären Werten und humanistische Motivation wieder mehr in den Mittelpunkt des Denkens und Handelns gerückt werden muss. Denn in der heutigen Gesellschaft mit zunehmender Schärfe der Konkurrenz droht die Humanität immer mehr in den Randbereich oder in Bekenntnisfloskeln abzurutschen.

Auch müssen wir in unserer politischen Arbeit wieder darauf aufmerksam machen, wie unser Staat - und natürlich unser Kanton - gross geworden ist. Wir müssen die heutige Haltung einer Multioptionsgesellschaft versuchen umzugestalten, sodass wir unsere Optionen nicht als Individuum sondern als Gruppe wahrnehmen können.

So plädiere ich, dass Politik eine Gesellschaftsaufgabe ist und wir Lösungen für die anstehenden Probleme - welche in der heute beginnenden Session sehr ausreichend traktandiert sind - gemeinsam in Respekt und Würde suchen müssen. Dieser Aufgabe sind wir als gewählte Volksvertreter verpflichtet. Und ich bin auch der Meinung, dass dieses Miteinander auch die Gesprächsebenen mit der Regierung einschliessen muss, auch wenn unser staatpolitischer Aufbau andere Funktionen vorsieht. Miteinander statt Gegeneinander.

Zum Schluss möchte ich DANKE sagen.

Als erstes dem scheidenden Präsidenten Karl Güntzel für seinen Einsatz zugunsten unseres Kantons. Er hat es verstanden, den Ratsbetrieb sachlich, rechtlich und menschlich zu leiten. Er hat auch nicht gezögert, wenn eine persönliche Kommentierung angebracht war. So wurde die Atmosphäre im Rat gelockert, was für die Vielfalt unseres Rats spricht. Wir hatten es hier vorne - auf dem „Podium“ - immer freundschaftlich und kollegial. Es kam mir nicht vor - wie Karl es in seiner Präsidentenansprache vergangenen Jahres formuliert hatte - dass wir uns aufheben werden aufgrund unserer politischen Auffassung. Denn der Vorteil des Vizepräsidenten war eindeutig, dass ich meine Willensäusserungen in den Abstimmungen zum Ausdruck bringen durfte, da sich der Präsident hauptsächlich der Leitung des Rates zu widmen hatte. Und wenn ich die Geschäfte behandeln durfte, so war Karl nicht im Saal - und somit hat er auch nicht abgestimmt. Demnach haben wir uns nicht aufgehoben, sondern meine Stimme hat noch mehr Gewicht bekommen. Aber ich darf sicher auch im Namen des gesamten Rates Dir, Karl, ganz herzlich Danke sagen für die gute Ratsführung. Für mich war Dein Präsidialjahr sehr lehrreich, damit ich mit meiner Art diese Ratsführung übernehmen darf.

Zum Zweiten möchte ich der Staatskanzlei bereits heute ein herzliches Dankeschön aussprechen; für ihren unermüdlichen Einsatz zugunsten des Präsidiums. Das vergangene Jahr hat mir gezeigt, dass viel Arbeit hinter den Kulissen zu bewältigen ist, damit das Amt des Kantonsratspräsidenten in unserem Milizsystem noch möglich ist.

Bedanken möchte ich mich auch bei meiner Familie, insbesondere bei meiner verständnisvollen Frau Vreni. Daher möchte ich es als frischgewählter Kantonsratspräsident nicht unterlassen, nun zu meinem ersten Akt zu schreiten und meiner Frau zu ihrem heutigen Geburtstag herzlich zu gratulieren; ganz ungewohnt von diesem präsidialen Sitz aus. Dass ihr Geburtstag genau auf den heutigen Tag fällt, ist ebenso speziell wie meine heutige Wahl.

Danke sage ich zudem meinen Mitarbeitenden und Freunden auf der Zuschauertribüne, die als Gradmesser meine politische Arbeit kritisch begleiten und beleuchten.

Mit diesen Gedanken - und ohne hochstehenden theoretischen Formulierungen, die eh nicht zu mir passen - danke ich allen herzlich und wünsche uns ein interessantes und erfolgreiches Amtsjahr.

Besten Dank.